Die Finger werden immer schwächer, der Puls rast, das Zittern, auch „die Nähmaschine“ genannt, beginnt am Bauch und geht in die Arme. Unter mir 15 Meter Luft, über mir nur noch zwei Meter Felsen, dann wäre es geschafft. „Jetzt bloß nicht schlapp machen!“ schießt es mir durch den Kopf. Aber die Muskeln wollen nicht mehr. Schon rutscht mein Fuß ab und auch die Hände verlieren den Halt.
Statt Knochenbrüche und Schmerzen zu haben sitzen wir zehn Minuten später zusammen auf dem Felsen und lassen den Blick über das Land schweifen. Was so ein Kletterseil, ein paar Knoten und ein Freund, der das andere Ende fest in der Hand hält, doch ausmachen. Sie sind meine Retter geworden!
Das ist Stark! Mich animiert so ein Erlebnis ja fast immer zum singen…
Meine Stärke und mein Lied ist der HERR, er ist für mich zum Retter geworden. (Exodus 15,2)
Mose muss auch singen. Das Volk Israel ist gerade durch das Schilfmeer gezogen. Hinter ihm ist das ägyptische Heer mit Ross und Wagen untergegangen. Diese Rettungstat entlockt ein Dan-keslied.
Doch beide Beispiele haben nicht viel mit meinem Alltag zu tun. Klettern ist kein Alltag. Und so große Erlebnisse wie das Volk Israel sie hatte sind selten.
Mich belasten eher die kleinen Dinge des Lebens: Der weite Weg zur Arbeit, das Geld das vorn und hinten nicht reicht, Streit, Krankheit, Trauer. Und selten erlebe ich wirklich Rettung. Selten ein Trost, der mir hilft. Selten nur ein paar Momente Zeit. Selten der mitgewaschene 10er. Noch seltener die inten-siven Begegnungen mit Gott.
Meine Stärke und mein Lied ist der HERR, er ist für mich zum Retter geworden. Ist das auch nur ein ganz seltenes Lied?
Ich weiß, was wir da gemacht haben verstößt gegen alle Kletterregeln. Als mein Freund sah dass ich keine Kraft mehr hatte, hat er mit voller Kraft am Seil gezogen. Ich bin nicht abgestürzt. Er hat mich nicht in das sichere Seil fallen lassen und abgeseilt. Nein! Er hat mich auf den Felsen hochgezogen. Außenstehenden ist das vielleicht gar nicht aufgefallen. Ich aber weiß, dass ich den Felsen niemals ohne ihn geschafft hätte!
Ich kenne diese Situationen auch aus meinem Alltag. Der Blumenstrauß, der mich erfreut. Der Kaffee, der mich munter macht. Die gute Radiosendung auf dem Weg zur Arbeit.
Gott schenke uns den Blick für seine kleinen Kraftübertragungen und ein Danklied dafür auf unse-re Lippen!
Meine Stärke und mein Lied ist der HERR, er ist für mich zum Retter geworden.